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Mollardgasse 85a

Mollardgasse 85a

Art des Projektes
Gewerbe
Jahr
laufend seit 2011
Auftraggeber
Kaiser Franz Josef I. Jubiläumsfonds
Team
Arch. Christian Krakora, b18 Architekten

Der Werkstättenhof in Mariahilf

Historische Betrachtung

Mitte des 19. Jahrhunderts (1847-1851) entstand in Mariahilf das Gumpendorfer Schlachthaus als markantes Beispiel gemeindeeigener Schlachthäuser und Markthallen jener Zeit. Jedoch schon 1907 riss man das Schlachthaus wieder ab. Auf seinem Areal entstanden in der Folge die Feuerwache Mariahilf, die später als Zentralberufsschule bezeichnete „Erste Wiener Gewerbliche Fortbildungsschule“, die städtische Wohnhausanlage „Leuthnerhof“ sowie der so genannte „Jubiläums-Werkstättenhof“. Der Jubiläumswerkstättenhof in Mariahilf (6, Mollardgasse 85-85a) ist eines der bedeutendsten Beispiele eines Gebäudekomplexes, in dem die Idee, sowohl eine Vielzahl von verschiedenen Gewerbe- und Industriebetrieben als auch Volkswohnungen in einer Einheit zusammenzufassen, verwirklicht wurde. Der Bau mit seinen rund 150 Arbeitsräumen und 40 Wohnungen ist aber auch ein markantes Beispiel des Wiener Industriebaus am beginnenden 20.Jahrhundert, der durch seine besondere tektonische Klarheit und Ausgewogenheit besticht. Bevor noch eingehender auf die Idee des Jubiläumsfonds sowie auf das Werkstättengebäude eingegangen werden soll, erscheint es sinnvoll, die historische, insbesondere die wirtschaftshistorische Situation, in der dieses Projekt Wirklichkeit wurde, zu beleuchten.

Zum Zeitpunkt der Realisierung des Werkstättenhofes war der aus mehreren ehemaligen Vorstadtgemeinden entstandene Bezirk Mariahilf bereits rund fünfzig Jahre ein Gemeindebezirk der wachsenden Großstadt Wien. Mit der Entwicklung von der dörflichen Siedlung, vor allem an der Mariahilfer - Straße zur Vorstadt, die im 17. Jh. eingeleitet worden war und der im 18. Jh. immer mehr landwirtschaftlich genutzte Flächen zum Opfer fielen, änderte sich auch die Struktur der Bevölkerung. Durch starke Bautätigkeit wurden viele Handwerker und Gewerbetreibende angelockt, die sich bald hier niederließen und den Grund zur späteren Industrialisierung legten. Im Laufe des 19. Jhs. wurden die Handwerksbetriebe, gerade auch in Mariahilf, in diesem wichtigen Zentrum des Handwerks, von der Konkurrenz der Fabriken besonders hart getroffen. Ein Handwerker nach dem anderen wurde Fabrik - oder Heimarbeiter, und Frauen- und Kinderarbeit waren an der Tagesordnung. Mit der sprunghaft ansteigenden Bevölkerung wuchs natürlich auch das Wohnungselend, und es blühte das Bettgeher- und Untermieterunwesen.

Das vom Gesamtwandel des Wirtschaftslebens sehr stark betroffene Kleingewerbe erhielt im Jahre 1908 durch den Bau jenes Werkstättenhofes in Gumpendorf eine besondere Förderung. Die immer mehr sich fühlbar machende Not an Werkstätten musste die Aufmerksamkeit der kompetenten Stellen (Gemeinderat, Ministerium für öffentliche Arbeiten und Finanzministerium) auf sich lenken. Als das am besten geeignete Mittel, der Werkstättennot abzuhelfen, wurde die Schaffung eines großen Werkstättengebäudes in Verbindung mit Volkswohnungen ins Auge gefasst. Über Anregung des damaligen Ministeriums für öffentliche Arbeiten wurde nun unter Mitwirkung der Gemeinde Wien, die den erforderlichen Baugrund zur Verfügung stellte, im Jahr 1908 – man gedachte des 60jährigen Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Joseph I. - der „Kaiser Franz Josef I. Jubiläums-Fond für Werkstättengebäude und Volkswohnungen“ ins Leben gerufen. Bereits im Juni 1908 begann man auf den Gründen des ehemaligen Gumpendorfer Schlachthauses mit den Bauarbeiten für das geplante Werkstättengebäude, dessen Räumlichkeiten Gewerbetreibenden (Handwerkern)n als Arbeitsstätten zur Verfügung gestellt werden sollten. Schon im August des folgenden Jahres war der Hof, einschließlich des Wohntraktes, fertig gestellt.

Der Bau wurde nach Entwürfen des Oberbaurates Stiegler durch die Union- Baugesellschaft ausgeführt. Die Baukosten (einschließlich Inneneinrichtung) betrugen 1,850.000 Kronen. Der sozialpolitischen Idee des Projektes wurde dadurch entsprochen, dass bei Aufnahme der Mieter in erster Linie die kleineren Betriebe ökonomisch schwächer gestellter Inhaber berücksichtigt wurden. Aber nicht nur dem Gewerbeinhaber wurde damit eine große Wohltat erwiesen, auch für Gesellen und Lehrlinge war die Schöpfung bedeutungsvoll, denn sie konnte in lichten, luftreichen und gesunden Werkstätten ihre Tagesarbeit verrichten.

Der Werkstättenhof war in seiner ursprünglichen Konzeption wohl primär als Sozialleistung gegenüber dem Kleingewerbe geplant, das in der Gründerzeit durch die fortschreitende Industrialisierung immer mehr unter wirtschaftlichen Druck geraten war. Eine gerade auch an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert sich bemerkbar machende starke Wohnbautätigkeit und immer schärfere Auflagen für derartige Betriebsanlagen führten zu einem spürbaren Mangel an geeigneten Betriebsstätten. Der Jubiläums-Werkstättenhof war von seiner Konzeption her, indem er in großzügiger Weise Wohn- und Werkstättenräume gleichermaßen zur Verfügung stellte, daher einerseits eine wohltätige Hilfe für bedürftige Gewerbetreibende, andererseits erhoffte man mittels dieses Projektes auch eine langfristige und sinnvolle wirtschaftsfördernde Maßnahme gesetzt zu haben.

Der auch nach dem Untergang der Österreichisch-Ungarischen Monarchie weiter bestehende Fonds wurde nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jänner 1939 vom damaligen Ministerium für innere und kulturelle Angelegenheiten auf Antrag des für Vereine, Organisationen und Verbände zuständigen Stillhaltekommissars aufgelöst, das Fondsvermögen an die Gemeinde Wien übertragen. Im August 1955 kam es schließlich zur Wiederherstellung der Rechtspersönlichkeit des Kaiser Franz Josef I. Jubiläumsfonds für Werkstättengebäude und Volkswohnungen. Denkt man an so manche in der Gegenwart vorgebrachten Überlegungen – etwa neu gegründeten Betrieben Raum in von der öffentlichen Hand finanzierten „Industrieparks“ zur Verfügung zu stellen – so mutet das Projekt „Werkstättenhof“ auch heute, mehr als hundert Jahre nach seiner Realisierung, durchaus modern an.

Generalsanierung

Vor Beginn der Sanierungsarbeiten zeigte sich der Werkstättenhof in einem uneinheitlichen Erhaltungszustand. Teile im Innenbereich stammten noch aus der Zeit der Erbauung des Gebäudes zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Elektroinstallation wurde im Zuge der Beseitigung der Kriegsschäden zum Teil erneuert, während die Fassaden und der Innenhof zuletzt im Jahr 1975 überarbeitet wurden. Im Wohntrakt wurden im Jahre 1995 bei den drei Stiegen Aufzugsanlagen eingebaut und im Dachgeschoß drei Wohnungen errichtet. Im Inneren des Hauses war durch die mannigfaltigen Umbauarbeiten der einzelnen Mieter ein einheitliches Erscheinungsbild nicht mehr gegeben – vor allem die technische, als auch die sanitäre Ausstattung entsprach in keinster Weise den heutigen Anforderungen.

Aufgrund der bereits vorhandenen tiefgreifenden Schäden an den Fassaden und den Stahlfenstern durch in die Kittfalze eindringendes Niederschlagswasser, sowie der unhaltbaren sanitären Situation wurde vom Eigentümer die Erarbeitung eines Gesamtsanierungskonzeptes in Auftrag gegeben

Im Zuge dessen wurden folgende Sanierungsbereiche festgelegt:

  1. Dach- und Terrassensanierung inkl. Wärmedämmung – wurde bereits im Jahr 1988 bzw. 1999 durchgeführt
  2. Sanierung der Straßen- und Innenhoffassaden
  3. Herstellen von zeitgemäßen Sanitäranlagen
  4. Erneuern der gesamten Elektroinstallation bis zu den einzelnen Mietobjekten
  5. Verbessern des Brandschutzes durch Einbau von T30-Türen bei allen Mietobjekten
  6. Erneuern der Hofoberfläche
  7. Erneuern des Holzlagers im Innenhof
  8. Trockenlegung des Kellermauerwerkes im Bereich Hornbostelgasse und im Innenhof

Anhand dieses Sanierungskonzeptes wurde die Planung und in weiterer Folge die öffentliche Ausschreibung durchgeführt.

Bei der Sanierung der Straßenfassaden konnte durch Hinterfüllen der hohl liegenden Bereiche der Altbestand an Klinkerfliesen großteils erhalten werden. Mit der gleichen Vorgangsweise wurden die Betonguß-Zierglieder gesichert. Die restlichen Putzflächen wurden durch Abschlagen loser Teile, Ergänzen des Grobputzes und Überreiben der gesamten Fläche saniert. Im Sockelbereich wurde der gesamte Altputz abgeschlagen und durch ein Sanierputzsystem ersetzt.

Die Stahlfenster wurden nach dem Ausglasen gereinigt, rostschutzbehandelt, lackiert und mit 3 mm starken Floatglas im Silikonbett neu verglast. Um ein neuerliches Eindringen von Wasser zu vermeiden, wurden bei allen Fenstern die äußeren Kittfalze mit einem transparenten elastischem Dichtstoff verfugt.

Bei den Innenhoffassaden des Werkstättentraktes wurden die Putzflächen und die Stahlfenster in gleicher Art saniert. Beim Wohntrakt sind die außen liegenden Kastenfenster gegen in der Laibung liegende Holz-Alufenster getauscht worden, weiters wurde eine Vollwärmeschutzfassade aufgebracht.

Im Gebäudeinneren wurden die nur mehr rudimentär vorhandenen WC-Gruppen in den Allgemeinbereichen abgetragen und durch zeitgemäße Anlagen – nach Geschlechtern getrennt - ersetzt. Gleichzeitig wurden die Gangbereiche saniert und in Absprache mit der MA 36 in allen Mietobjekten T30-Brandschutztüren eingebaut. Auch ist die gesamte Elektroinstallation aufgrund der gestiegenen Anforderungen komplett erneuert worden und für zukünftige Anforderungen vorbereitet.

Die letzte Phase der Gesamtsanierung betraf den Innenhofbereich. Es wurde das gesamte Hofniveau abgetragen, die Kelleraußenmauern mit einer Vertikalisolierung versehen, das Ablaufsystem und die sonstigen technischen Einbauten erneuert bzw. ergänzt und in weiterer Folge der Boden neu aufgebaut. Im Zuge dieser Arbeiten wurde auch das Holzlager und die Portierloge neu hergestellt.